Paviangebrüll im Äther

Dienstag, 24. Juni 2008

Jeder hat etwas zu sagen. Auch Herr Meier aus Kleinkleckersdorf, der örtliche Postangestellte, der kurz vor der Pension steht. Als weltgewandter Bürger liest er täglich das renommierte Blatt aus dem Hause Axel Springer und dazu sogar noch die Presse vor Ort. Man ist informiert über Dieter Bohlen und den Kindergarten nebenan. Am Stammtisch übt er sich in Rhetorik ab 100 Dezibel aufwärts und versagt dabei so kläglich wie Millionen andere auch.

Das wäre alles in allem nicht so schlimm. Keiner hat die Pflicht sich zum Intellektuellen hochzuarbeiten. Niemand muss Goethe lesen um ein guter Mensch zu sein. Eigentlich sind viele Goethe-Enthusiasten erstaunlich weltfremd und arrogant. Genauso wenig habe ich ein Problem mit Leuten, die komplexe Zusammenhänge nicht begreifen können oder wollen. Das muss nicht sein, dazu sollte man niemanden zwingen. Ich hab ja auch keine Ahnung von Tiefenbohrungen in Gashydrat-Feldern. Ergo versuche ich nicht jedem Ingenieur in seine Arbeit reinzureden oder meinen Mitmenschen davon zu berichten was, ich mal davon irgendwie so oder so ähnlich im Fernsehen beim Bügeln gehört habe. Denn wenn man keine Ahnung hat, soll man diese Leere nicht für Gottes Wort halten, sondern sie einfach zugeben. Ich habe keine Ahnung von Fußball! Da, jetzt ist es raus. Dennoch pflegen die meisten Mitmenschen gegensätzliches Verhalten in jeder möglichen und unmöglichen Situation an den Tag zu legen, obwohl sie doch ganz genau wissen, dass das alles schon tausendmal gesagt wurde. Nur um sich selbst schwatzen zu hören.

Wie soll man denn so über den Zustand einer hakenden Festplatte hinauskommen? Es ist ja nicht nur so, dass man andere Menschen durch sein eigenes Gequake intellektuell beleidigt. Man verhindert auf äußerst effektive Weise, dass sich ein produktiver Geisteszug entwickeln kann. Da ist zunächst der Unterbrechende, der in seinem geringen Horizont beschränkt bleibt, da er weder von außen noch von innen mit irgendwas kritisch in Diskurs treten kann. Er will es ja gar nicht. Ab einer gewissen Komplexitätsschwelle wird mit simplen Antworten abgeblockt. Es könnte ja wehtun, seine Ansichten in Frage zu stellen. Aber wie gesagt, das muss ja auch nicht sein. Bleib ruhig hinter deinem Ofen. Aber das geht auch, indem man sich einfach ruhig abwendet. Dafür muss man nicht das Fenster kaputtmachen. Das gilt auch dann, wenn jemand noch so viel Müll von sich gibt. Denn auch die Zuhörer können nicht mehr dem berechtigten Produzenten des Inhalts lauschen, weil sich nun ein anderer vordrängelt. Und das tut er rein destruktiv.

Das Ritual des Publikums vor begrenzter Öffentlichkeit ermöglicht es doch überhaupt, dass Kultur produziert werden kann. Publikum heißt: Einer trägt vor. Die Annern halten’s Maul! Natürlich soll es auch Interaktionen zwischen Zuschauerraum und Redner geben. Aber nach Jahrtausenden Menschheitsgeschichte hat sich dies in Ritualen wie Applaus und Buhrufen am Ende manifestiert. Heutzutage gibt es natürlich auch die Möglichkeit mit einem Klick faule Tomaten fliegen zu lassen. Dennoch hat niemand das Recht, in welcher Situation auch immer, zu glauben er könnte es besser und zu unterbrechen. Gut, vielleicht kannst du es ja wirklich besser (du Postangestellter, du). Aber erstmal hörst du zu! Erst nach dem da bist du. Vielleicht. Wenn du unser Interesse weckst.

Trotz allem entwickelt sich unsere Kultur dahingehend, dass jeder immer plappern soll. In der großen Koalition ist es die „öffentliche Debatte“, in unstrukturierten Veranstaltungen nennt man es „Brainstorming“, in der U-Bahn „Smalltalk“ und im Internet „Web 2.0″. Und dann wird dieser Haufen Geschwafel, wie dieser Blog hier, auch noch als demokratisch und kritisch bezeichnet, obwohl er nichts beiträgt. Wenn man Scheiße mit Scheiße bewirft ändert das nichts am Gestank. Das Schlimme daran ist die Lautstärke. Wenn man aktiv an der Gesellschaft teilnehmen will, kann man diesem Geschrei aus Halbwahrheiten, Vorurteilen und Laienwissen überhaupt nicht mehr entkommen. Bibliotheken sind auf Dauer recht langweilig. Noch schlimmer ist es, dass noch mehr Leute (wie ich) den Mund aufmachen müssen um das zu kritisieren. Aber je lauter wir sie darauf hinweisen, desto heißer werden die Ohren. Wo soll das enden?

Nun möchte ich mich jedoch dafür bedanken bei dir, dem Leser. Vielen Dank, dass du erstmal diesen Beitrag zu Ende liest und wenigstens versucht die kranken Vorstellungen des Autors zu entwirren bevor du ihn anschreist. Dank einer putzigen Kommentarfunktion weiter unten, können wir eine Diskussion beginnen und vielleicht noch etwas voneinander lernen. Mit diesem ersten Beitrag von mir soll nun auch der Auftrag eben dieses Blogs festgehalten werden: Meinungen nur dann zu artikulieren, wenn sie untergehen im dröhnenden Klein-Klein des Gewöhnlichen und so alles ein wenig bunter und radikaler zu machen.

Tags: , ,

Eine Antwort schreiben