Der Sieger verfilmt die Geschichte

Freitag, 10. Oktober 2008

Was waren das noch für Zeiten, in denen Historiker sich um eine objektive Darstellung der Geschehnisse bemüht waren und man ihnen Gehör schenkte? Natürlich sind die Historiker heute gleichermaßen bemüht und sicher auch erfolgreich. Nur die Sache mit dem Gehör scheint sich zu verschieben, denn immerhin ist es bequemer, sich die Dosis Geschichte in zwei Stunden im Kino zu verabreichen, als einen langen Fachtext zu lesen.

Das bringt zugleich mehrere Probleme mit sich. Das Kino ist nicht um Objektivität bemüht, sondern bestenfalls um eine respektable künstlerische Leistung, im schlechteren Fall um eine profitable Leistung. Der vermeintliche Korrektheitsanspruch führt aber dazu, dass sich die filmische Darstellung der Geschichte im allgemeinen Bewusstsein einbrennt. Gerade bei Kindern oder Jugendlichen ist das hochgradig bedenklich. Wie oft wurde das Beispiel der lila-weißen Kühe angeführt? In diesem Zusammenhang müsste man allerdings eher davon ausgehen, dass unkritische Personen z.B. nach dem Konsum von „King Arthur“ davon ausgehen, das der Hadrianswall eine fünf Meter hohe, zinnenbewehrte Verteidigungsanlage gegen die dahinter lebenden Druiden war. UNFUG!

http://www.sueddeutsche.de/kultur/172/313080/text/

Ob es jetzt tatsächlich wichtig ist, die genaue Einrichtung des Ponto-Hauses zu erinnern ist fraglich. Wichtiger ist wohl generell über den Mord bescheid zu wissen. Diese Informaitonsleistung erbringt der aktuelle Film „Der Baader-Meinhof-Komplex“, unter diesem Gesichtspunkt ist Kritik also ungerechtfertigt. Im Gegensatz zur oben erwähnten, unglaublich schlechten Hollywood Adaption europäischer Geschichte weist der deutsche Historienfilm einige Punkte auf, die ihn besser machen. Er ist zum Beispiel um höhere Objektivität bemüht, muss andererseits durch seine Natur Stellung beziehen.

Die Terroristen werden in dem ganzen Film gewissermaßen als krank dargestellt bzw. als immer kränker werdend. Diese Entwicklung kann besonders in der Figur „Ulrike Meinhof“ nachvollzogen werden. Durch die Nutzung dieser Perspektive umgeht man die strenge und ausführliche Auseinandersetzung mit politischen Positionen und größeren geschichtlichen Zusammenhängen. Beide dienen in dem Film nur als Gerüst, um den Verfall der beteiligten Personen darzustellen. Genau das ist es, was ihn von der Arbeit eines Historikers unterscheidet. Es findet keine objektive Schilderung und Einordnung statt, somit disqualifiziert sich der Historienfilm als Bildungsinstrument. Nur wenn man neben dem Film verlässlichere Quellen nutzt, um etwas über die Zeit zu erfahren, kann die Diskussion über den Film einen wirklichen Nutzen bringen.

Solange das nicht geschieht, führen solche Filme eher dazu, dass Geschichte einseitig von Filmemachern bestimmt wird und sich so viel schneller und breiter (dadurch unauslöschlich) im Bewusstsein der Masse festsetzt.

Tod dem Historienfilm!

Tags: , , ,

7 Antworten zu “Der Sieger verfilmt die Geschichte”

  1. rushed Sagt:

    Auch wenn du hier kurz mal mehr als hundert Jahre amerikanischer und deutscher Filmgeschichte in einem Blogeintrag abhandelst, hast du bezüglich Der Baader-Meinhof-Komplex Recht.

    Aber liegt das Problem nicht eher in der Rezeption von Geschichtsfilmen als den Filmen selber? Wenn Feuilleton und Historik sich vermischen, kann doch nichts Sinnvolles bei rauskommen. Egal wie gut oder schlecht man Der Baader-Meinhof-Komplex als Film bewerten mag, der Komplexität der RAF-Geschichte kann niemand in 150 Minuten gerecht werden. Es liegt uns, den venunftbegabten Menschen, zwischen Realität und Unterhaltungsprodukt zu unterscheiden.

    Tod dem ungebildeten Zuschauer!

  2. noron Sagt:

    Vielleicht ist das aber auch genau der Punkt, der meine Kritik an der Realität zerschellen lässt. Wir können den Anteil der Menschen nicht beziffern, die solche Filme oder nur bestimmte Elemente dieser Filme für bare Münze nehmen.
    Viele sehen den Film sicher als das an, was er ist, nämlich ein Unterhaltungsprodukt. Daher muss man die Frage stellen, inwiefern die reale Geschichte als solches taugt. Ist es sinnvoll, sie zu bagatellisieren?
    In Diskussionen fällt an dieser Stelle fast immer eine Anmerkung, die sinngemäß aussagt, dass es durchaus Sinn habe, derlei Filme zu machen, da diese dazu führten, dass sich die Menschen mit dem Stoff beschäftigten.
    Ich habe diesen Einwand hier platziert, um ihn zu entkräften. Wie man oben erkennen kann, hängt es von der Art der Auseinandersetzung mit einem Film ab, ob er am Ende dazu beiträgt, den Bildungsstand über eine Zeit/ein Ereignis zu erhöhen oder nicht. Wenn sich die Auseinandersetzung darauf beschränkt, den Film zu sehen und mit seinen in Bezug auf das Thema gleichermaßen ungebildeten Freunden darüber zu sprechen, kann die oben genannte Gefahr eintreten, dass Filmemacher die Geschichte schreiben.

    Tod dem ungebildeten, faulen Zuschauer!

  3. rushed Sagt:

    Nachklapp:

    Problematisch ist allerdings auch, dass in deinem Eintrag nur zwei Filme behandelt werden, die von denen mindestens einer grottenschlecht ist und keiner hundertprozentige, historische Korrektheit behauptet.

    Schönere Beispiele wären „Im Westen nichts Neues“, „The Ten Commandments“ oder „300″. Die filmische Qualität wird von historischer Ungenauigkeit nicht beeinträchtigt, obwohl eben diese als virtuelles Wissen an den Unbedarften weitervermittelt wird.

    Spielfilme sind Spielfilme. Natürlich schließt dies nicht den von dir genannten Manipulationsverdacht gegenüber leichtgläubigen Zuschauern aus. Aber er wird insofern irrelevant, als die Schuld niemals bei den Filmemachern verortet werden kann. Man sollte doch schon eher Dokumentarfilmer oder Nachrichtenproduzenten angreifen, die kommen nämlich mit einem gewissen Realitätsanspruch daher.

    Genausowenig würde niemand Shakespeare angreifen, weil er in Macbeth das Schottland des 11. Jahrhunderts „bagatellisiert“ hat.

  4. noron Sagt:

    Die „Schuld“ ist sehr wohl bei den Filmemachern zu verorten. Wo denn sonst? Der Baader Meinhof Komplex versucht sich doch auch mit diesem Anspruch zu verkaufen oder wie ist die penible Umsetzung des Buches von Stefan Aust zu deuten?

    Desweiteren hätten wir zwischen älterer und jüngerer Geschichte differenzieren sollen. Schließlich ist es mittlerweile schwer nachzuvollziehen, ob Shakespeare dafür gerügt wurde oder wie hoch der Hadrianswall in Wahrheit war.

  5. rushed Sagt:

    „Der Baader Meinhof Komplex“ versucht sich als Bleibtreu-Star-Vehicle mit biografischen Einflüssen von Aust zu verkaufen. Ist mir auch egal, wie sich der Film dem Zuschauer anbiedert. Fiktion darf nicht mit den Maßstäben der Geschichtswissenschaft bewertet werden.

  6. noron Sagt:

    Es ist mir fast zu plump zu fragen, aber: Warum?
    Du nennst kein Argument, sondern lieferst lediglich eine Feststellung.
    Es ging um Fiktion, die im Gewand der Geschichtsdarstellung daherkommt. Wenn schon hier ein Meinungsstreit entbrennt, ist die Diskussion müßig. Wenn es aber so ist, dass sich besagter Film als chronistisches Werk darstellt, was in meinen Augen der Fall ist, darf man ihn durchaus mit den Maßstäben der Geschichtswissenschaft messen. Schließlich wildert er dann in ihrem Métier.

  7. rushed Sagt:

    Gute Fiktion hat einfach gewisse Anforderungen, die die Realität nunmal fast niemals erfüllt. Hier und da ein bisschen zu tweaken, muss demnach auch bei einem Historienwerk erlaubt sein. Auch wenn es „auf wahren Ereignissen basiert“, wie es so schön heißt, muss sich niemand sklavisch daran halten.

    Ob Goebbels und seine Frau sich in „Der Untergang“ mit Kugeln oder Blausäure umbringen, ist doch völlig egal, solange der Regisseur die von ihm gewünschte Wirkung erzeugen kann.

    Den Unterschied zwischen Spielfilm und Dokumentation sollte dann doch der vernunftbegabte Mensch selbst erkennen. Für alle anderen Zuschauer kann, will und muss ich hier nicht sprechen.

    Außerdem ist „Der Baader Meinhof Komplex“ meines Wissens nicht faktisch grob falsch, sondern lediglich in belanglosen Detailfragen, oder was die emotionale Schattierung betrifft, die letztendlich die sogenannte „Aussage“ des Films ausmacht. Über Letztgenanntes lässt sich freilich streiten, und das sollte man gewiss auch. Aber einem genereller Vorwurf gegenüber dem Film, seiner Vermarktung oder auch dem Genre kann ich nicht zustimmen.


Eine Antwort schreiben