Schade. Indem die westlichen Industrienationen ihre langfristige Haushaltsplanung opferten und die Banker von ihrer Verantwortung befreiten, haben sie das herrschende Finanzsystem vorläufig von seinem Untergang gerettet. So scheint es zumindest. Aber vielleicht passiert ja noch etwas Spannendes, so dass wir in ein paar Jahren wirklich unser tägliches Brot mit einer 12-Gauge-Shotgun in den Straßenschluchten der Großstädte jagen.
Seitdem die Subprime-Krise in den Vereinigten Staaten eine Lawine in Gang gesetzt hat, habe ich gehofft, dass etwas fundamental Neues passiert. Bitte, bitte, lass das den Knall sein, den sie alle hören müssen. Lass sie es kapieren und diesen Wahnsinn stoppen. Es ist traurig, wenn Familien ihre Häuser aufgeben, Sparern ihr Geld vorenthalten wird und Menschen ihre Arbeitsplätze verlieren. Auch wenn wir hier an unseren Stammtischen gut über „die dummen Amerikaner“ reden können, haben die Menschen, die nun am Existenzminimum kratzen, dieses Schicksal nicht verdient. Genauso wenig wie Bewohner von Entwicklungsländern ihre Armut verdient haben. Aber um sie kümmern sich die Eliten, die durch diese Erschütterung aufgeschreckt wurden doch nicht. Mittelständische oder gar verarmte Bürger? Dreck unter den Schuhen; ist zwar unvermeidbar und auch schwer zu verstecken, will man aber so weit wie möglich von sich weg haben.
Das ganze kapitalistische System, das seit dem Ende des Kalten Krieges grauenhafte Dimensionen annehmen durfte, zwingt die Menschheit auf das eigene Zahnfleisch. Seitdem keine Alternative zum bestehenden System mehr existiert, braucht die freie Marktwirtschaft kein menschliches Antlitz mehr um attraktiv zu sein. Das eine große Hamsterrad dreht sich nun für alle, immer schneller ohne Bremsen. Ewiggestrige Rattenfänger sind leider die Einzigen, die sich dagegen öffentlichkeitswirksam zur Wehr setzen, wenngleich ihre etatistischen Lösungsvorschläge vollkommen falsch und reinster Populismus sind. Die Unfähigkeit staatlicher Bürokratie, für Wohlstand und Verteilungsgerechtigkeit sorgen zu können, wurde spätestens mit dem Zusammenbruch des Realsozialismus hinreichend bewiesen.
Es muss eine neue Alternative geschaffen werden, die soziale, ökologische und ökonomische Aspekte in einer ganzheitlichen Lehre vereint. Das Ziel muss das Wohl der Menschheit als Ganzes sowie die Lebensqualität des Einzelnen im Zusammenleben mit seiner Umwelt sein. Damit ist nicht ein Mehr an Allem für Wenige gemeint, sondern ein Mehr am Humanen für Jeden. Spenden und staatliche Almosen vermögen dies nämlich nicht, sie sind nur die Korrektive falscher Prinzipien.
Die neoklassische Ökonomik und Ökonomie sind darauf ausgerichtet, dem Abgrund entgegen zu schreiten. Wie kann man nur ein Prinzip, das den ewigen Wachstum benötigt und forciert, in einem geschlossenen System mit begrenzten Ressourcen so hoch halten? Ein Regelsystem, das sich der Maxime der Gier verschreibt, kann nicht das Leitmotiv des menschlichen Zusammenlebens sein, wie es die so genannten Neoliberalen gerne hätten. Das Modell des homo oeconomicus appelliert an den menschlichen Egoismus und macht sich so zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Dabei gibt es genug schlaue Menschen, die uns davor gewarnt haben. Vorstellungen von Genügsamkeit und geistigem Reichtum haben niemals Ölkriege oder Ausbeutung benötigt. Früher waren es die geschundenen Rücken der Arbeiter, heute sind es der Bluthochdruck der Angestellten, die enge Krawatte des Bürgers und die Depressionen der Jugend, die dieses System des Drucks hervorbringt. Zugegeben, in China bildet sich gerade dank des globalisierten Kapitalismus eine neue Mittelschicht ungeahnten Ausmaßes. Aber dafür wurde ein neues Heer an mundtoten Lohnsklaven in den Fabriken der Weltkonzerne geschaffen, die auch das Land und die Luft in ungeahntem Ausmaße vergiften. Die sollen für uns schuften und verdrecken, fern von unseren hübschen Einfamilienhäusern.
Gleichzeitig schreien wir immerzu nach billigerer Scheiße, an der wir ersticken. Was brauchen wir denn noch mehr? Fettere Villen in zubetonierten Vorstädten, protzigere Karren auf breiteren Autobahnen, noch grellere bunte geistlose Ablenkung, ein noch größeres, antibiotikum- und pestizidverseuchtes Steak? Währenddessen werden Politiker von Lobbyisten gedrängt kommunale Einrichtungen zu verscherbeln, öffentliche Verkehrsmittel dem Profitdenken zu unterwerfen und Bildung zu privatisieren.
Kinder, Umwelt und Kultur haben ja auch einen beschissenen Shareholder-Value.
Tags: Finanzkrise, Postmaterialismus, Wirtschaft