140 Zeichen Gezwitscher

Montag, 1. Juni 2009

Dieser Artikel erschien am 29. April 2009 in der Bochumer Stadt- & Studierendenzeitung #783.

Soziale Netzwerke wie StudiVZ und MySpace sind im Internet schon längst ein alter Hut. Da muss etwas Neues her! Die jüngste Mode in Sachen elektronischer Kommunikation ist der Mikro-Blogging-Dienst Twitter. Seit März 2006 greift das Netzwerk wie ein Lauffeuer um sich und umfasst mittlerweile Millionen von Menschen. Die Kommunikationskultur im Internet erreicht so Tweet um Tweet immer neue Tiefpunkte.

Die Methode ist äußerst simpel: Auf die Frage „What are you doing?“ muss mit höchstens 140 Zeichen geantwortet werden. Diese so genannten Tweets erscheinen auf dem eigenen Profil, zusammen mit der Übertragungsart der Nachricht und der seither vergangenen Zeitspanne; auf Wunsch auch an bestimmte NutzerInnen adressiert oder mit Hinweistags versehen. Derzeit ist Schweinegrippe ganz oben auf der Liste der „Trending Topics“. Das Posten und Lesen kann über das gewöhnliche Browserinterface geschehen, ist aber auch mit anderer Software oder per SMS möglich. Durch eine offene Schnittstelle binden Tausende von unabhängigen ProgrammiererInnen Twitter in ihre Anwendungen ein. Sei es vom heimischen Schreibtisch oder der Schlange vor dem Prüfungsamt, überall kann die Community auf dem Laufenden gehalten werden.
Der NutzerInnenkreis geht weit über den gemeinen Nerd hinaus. Es können die Statusberichte solch illustrer Persönlichkeiten wie dem Rapper 50Cent, Olympiasieger Michael Phelps und Grünen-Politiker Volker Beck („hat das Freunde-Sortieren bei Facebook aufgegeben und bestätigt mal kurz 200 Anfragen“) abgefragt werden. Während des amerikanischen Wahlkampfs informierten die Kandidaten ihre AnhängerInnen über die laufende Kampagne, was flugs von den deutschen Parteien bei den Landtagswahlen in Hessen übernommen wurde. Die beliebteste Twitter-Seite überhaupt hat übrigens der Schauspieler Ashton Kutcher alias „aplusk“ mit 1,5 Millionen so genannten Followers.

Geschäftspraktiken und Datenschutz

Unternehmensgründer Evan Williams konnte bislang rund 50 Millionen US-Dollar Risikokapital einsammeln. InvestorInnen finden die große, außerordentlich hippe NutzerInnenbasis attraktiv und wollen unbedingt beim „Next Big Thing“ dabei sein. Dabei war das Geld anscheinend bitter nötig, denn bis dato verfügt Twitter über kein verwertbares Geschäftsmodell und macht monatlich Verluste im fünfstelligen Bereich. Wie bei anderen Online-Portalen auch spielt Datenschutz eine untergeordnete Rolle. Twitter behält sich das Recht vor, die gesammelten Informationen bei Übernahme weiterzuverkaufen. Inmitten dieses Datenwirrwars wird seit Anfang April ein Übernahmegerücht seitens des Webgiganten Google laut. Abgesehen von wirtschaftlichen Verwerfungen sind auch individuelle Fälle von Datenmissbrauch publik geworden. Die Accounts von Barack Obama und Britney Spears wurden bereits mehrfach gehackt, und auch die Herkunft von SMS lässt sich fälschen, so dass auf beliebigen fremden Profilen gepostet werden kann.

Kommunikationsmüll

Twitter-EnthusiastInnen preisen den Zwang sich kurz zu fassen und die ungeahnten Möglichkeiten dieser neuen Plattform. Außerdem sei es von höchstem Wert, stets zu wissen, was Freunde und Familie gerade tun. Doch ist es das wirklich? Rein technisch ist dieses Angebot vor allem zur Kommunikation großer Massen wie Unternehmen oder zwischen einzelnen Prominenten und deren Anhängerschaft nützlich. Das Gefühl, besser miteinander verbunden zu sein, erscheint jedoch fahl, wenn man bedenkt, wie viel Zeit mit dem Posten von Nachrichten verschwendet wurde. Anstatt nachzufragen, was dem oder der Gegenüber gerade beschäftigt, plärrt sich ein Haufen anonymer Accounts mit dem sprachlichen Anspruch einer SMS gegenseitig an. Dabei ist der Inhalt des Kommunizierten zumeist vollkommen belanglos: Hauptsache ich quake. Nach Einkaufslisten von Lieblings-Wasauchimmer führt die zwanghafte Selbstpräsentation nun zur institutionalisierten Trivialität. Tausende Säcke Reis twittern gerade, dass sie umfallen.

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2 Antworten zu “140 Zeichen Gezwitscher”

  1. Kathiza Sagt:

    Schade, dass der Schreiber des Artikels offensichtlich nicht verstanden hat, wozu Twitter (auch) genutzt werden kann. Vorrangig geht es nämlich nicht darum, zu wissen, wer aus der Familie gerade Schnupfen hat oder ob der Hund sein großes Geschäft im Garten des Nachbarn erledigt hat. Leider wissen das viele nicht. Das soll nicht heißen, dass ich Twitter richtig und sinnvoll nutze, aber zumindest hat es mir schon einige wichtige Kontakte beschert und sehr viel Wissen für meine Arbeit bzw. mein Studium. Und das stammt nicht von Leuten, die über ihre Nasen oder Hunde zwitschern, sondern die Twitter (zumindest für mich) sinnvoll verwenden. Es ist nämlich zu allererst eine Kommunikationsplattform. Dass darüber viel Müll kommuniziert wird, ist nicht die Schuld von Twitter, sonderen jene der User. Aber solchen Usern muss man ja nicht folgen. Ich verstehe also beim besten Willen nicht, wie man sich über die Belanglosigkeiten in Twitter aufregen kann. Schließlich hat man die Menschen, denen man „followt“, ja selbst ausgewählt…
    Liebe Grüße aus Wien,
    Kathiza

  2. rushed Sagt:

    Wie gesagt, rein technisch bieten sich Möglichkeiten, eine solche Plattform produktiv zu nutzen. Das ist aber nicht der Kritikpunkt meines Beitrags. Denn Blogs und Foren, die per SMS bedienbar sind, gab es schon länger im Internet. Twitter nimmt lediglich die Referenzstellung im sogenannten Web 2.0 ein. Dieses Portal als Anreicherung für das Studium zu verwenden ist ein (durchaus löblicher) Missbrauch seiner ursprünglichen Idee. Die Eigenwerbung „What are you doing?“ und die Beschränkung auf 140 Zeichen sind hingegen der echte kommunikative Impetus von Twitter. Um es mit McLuhan zu sagen: „The medium is the message.“ Auf Twitter können unmöglich sinnvolle Gedanken formuliert werden, die erkenntnisförderlich sind.

    Derzeit gelangen sehr viele Meldungen über die Proteste im Iran über Twitter an die Außenwelt. Auch amerikanische Nachrichtensender wie CNN greifen diese Tweets auf und verwerten sie in ihren Sendungen. Dabei vernachlässigen sie aber völlig, dass der Gehalt der Nachrichten _immer_ derjenige von SMS ist und niemals ein anderer sein kann. Das stellt den journalistischen Anspruch dieser Massenmedien erheblich in Frage. Das Anzapfen eines Handymastes stellt kaum einen Unterschied dar.

    Sicherlich kann man kulturkritischen Beiträgen vorwerfen, dass sie sich mit Objekten auseinander setzen, die man ignorieren könnte. Es ist für mich allerdings schwer in einer Gesellschaft zu leben, in der die Mehrheit solch eine kulturelle Talfahrt mit Freuden nimmt, und schweigend zuzuschauen. Ich hätte schon mein Ziel, wenn ein Mensch nach der Lektüre meines Beitrags Thomas Mann statt Ashton Kutcher zur Hand nimmt. Niemand kann mir erklären, dass dominate Kulturtechniken wie Fernsehen, Powerpoint und vielleicht bald Twitter in ihrer derzeitigen Hegemonialstellung einen Mehrwert darstellen. Stattdessen neigt der postmoderne Mensch zu einer Aufmerksamkeitsspanne von einigen Sekunden und gleicht einem hysterischen Brüllaffen.


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