Innendeko, Bitch!

Dienstag, 20. April 2010

Dieser Artikel erschien am 21. April 2010 in Ausgabe 825 der Bochumer Stadt- & Studierendenzeitung.

Meine Wand ist leer. Eine große, weiße Fläche schaut mich an, die mein Zimmer kahl und ungemütlich erscheinen lässt. Kann eine Wand überhaupt leer sein? Ein Glas, ein Bauch, ein Kopf kann leer sein, klar. Aber eine zweidimensionale Fläche? Müsste man nicht eher sagen: glatt. Oder frei? Wobei leer den Gefühlszustand, den ich mit diesem schändlichen Vakuum verbinde, am ehesten ausdrückt. Das Problem bleibt bestehen, wie man es stilistisch auch dreht und wendet. Da sitz‘ ich nun – mit meiner leeren Wand.

Glücklicherweise gibt es einen Haufen rastloser Innendekorationsanbieter, die danach lechzen meine Konsumnachfrage zu befriedigen. Also auf zu Ikea, dem großen schwedischen Glücklichmacher. Dort finde ich mich inmitten junger, widerwärtig glücklicher Paare mit Ringelpullis und Markenjeans wieder. Uns wird eine breite Palette von Bildern, Spiegeln und Regalen mit passendem Nippes serviert. Ach guck mal Hasi, die Fotos sind aber hübsch. Schwarz-weiß Aufnahmen mit idyllischen Naturmotiven sollen künstlerisch anmuten. Man findet sie oft in Dreierfolge mit Birkenholzrahmen über der Kopfseite von Doppelbetten. Das ist optisch angenehm. Das Konzept entpuppt sich aber als so spießbürgerlich-melancholisch wie die Musik von Snow Patrol.

Nach einem bis auf Hackbällchen erfolglosen Nachmittag surfe ich also im Internet. Dort wird man von einer Riesenauswahl aus Postern, Flaggen und Nachdrucken erschlagen. Die Wahl quält mich. Was nehm ich nun? Wie wäre es mit einem Film- oder Bandposter um meinen individuellen Geschmack darzustellen? Da wird man gleich in so eine Fanboy-Ecke gestellt. Geht also nicht. Van Gogh ist doch gut – einer meiner Lieblingskünstler. Der passt immer. Aber das ist auch das Problem. In jedem grauen Dienstbüro hängt die „Caféterrasse am Abend“. Man muss sich schon irgendwie abgrenzen und seinen Gästen was bieten. Nicht zu gewöhnlich, aber bitte auch nicht akademisch soll es sein. Zu sehr Heavy Metal geht auch nicht, so schreckt man all die reizenden Hippie-Mädels ab. Die eigene Person muss ins richtige Licht gerückt werden. Immer tiefer ergründe ich die Seiten von Hobbykunsthistorikern und Museumskatalogen auf der Suche nach der richtigen Balance zwischen studentisch-alternativem Lebensstil, geistigem Niveau und der Farbkombination meiner Möbel.

Nach drei Stunden intensiver Suche zwischen französischem Tachismus und Post-Dada überkommt es mich plötzlich: der ganze Ekel vor meinem eigenen Snob. Boah Junge, bin ich scheiße! Warum kauf ich mir nicht gleich ein Halstuch, ein Mac-Book und fang an Drehbücher für Indie-Filme zu schreiben? Fiebrig stochert man sich durch Geschmacksklischees, nur für die eigene Hipness – die Gentrification im Wohnzimmer! Mir reicht es. Jetzt hängt an meiner Wand eine Nirvana-Flagge. Ist zwar ausgelutscht wie ein Lolli, aber trotzdem eine super Band. Wenn du ein Problem damit hast, kannste ja abhauen und woanders Bier schnorren gehen!

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